Portrait

Story

Little Porcupine und die Schnurpse

An einem leuchtenden Herbstmorgen trafen sich Little Porkupine, Hopper, Pika und Bz wie so oft, um durch die Gegend zu streifen und Abenteuer zu suchen.
Die Sonne schien hell und ließ den Wald und die umliegenden Berge in strahlendem Gelb, sanftem Braun und kräftigem Rot erstrahlen.
An einer riesigen Hemlocktanne machten die vier Halt und sagten "Guten Morgen" zur Großen Eule, die sie verschlafen anblinzelte und laut gähnte.
Little Porkupine kletterte zum Baumloch hoch und setzte sich der Eule direkt vors Gesicht. "Was gibt's Neues, Große Eule?", fragte er.
Die Große Eule, die sich eigentlich gerade zum Schlafen zurecht gemacht hatte, schüttelte ihr Gefieder und tat ihnen den Gefallen, alles zu erzählen, was sich in der Nacht zugetragen hatte.
Vielleicht würde sie danach ja in Ruhe schlafen können.
"Ouahh", gähnte sie, "also gut, ihr gebt ja doch keine Ruhe."
Hopper hüpfte am Boden aufgeregt auf und ab, und Pika machte sich über ein Grasbüschel her.
Sie schien immer etwas uninteressiert.
Bz flog weiter den Baum hinauf, aber nicht ganz, er traute der Großen Eule nicht ganz über den Weg. "Bz", summte er.
Die Große Eule erzählte von einigen Wölfen, die unter der Hemlocktanne Rast gemacht hatten und ihr Neuigkeiten von jenseits des Waldes gebracht hatten.
"Die Wölfe sagen, es seien neuerdings wieder Schnurpse in der Gegend gesehen worden.
Und der Seeadler ist wieder zum Nisten in den Wald gekommen, seht euch vor.
Aber am interessantesten ist wohl, daß die Familie Dachs Hals über Kopf den Wald verlassen hat."
Das Erzählen hatte die Große Eule endgültig ermüdet, sie zog sich in das Baumloch zurück und schloss die Augen.

Little Porkupine und Bz kehrten zu ihren Freunden am Boden zurück und berieten, was sie mit den Neuigkeiten anfangen könnten.
Von Schnurpsen hatten sie noch nie etwas gehört, aber die Große Eule noch einmal aufzuwecken, um sie zu fragen, trauten sie sich nicht.
Aber dass die Dachse den Wald verlassen hatten, war wirklich sonderbar.
Die vier hatten jedoch schon immer einmal in den labyrinthartigen Gängen des Dachsbaus spielen wollen, aber Vater Dachs wollte sie nie hereinlassen.
Wo sich aber nun schon einmal die Gelegenheit bot, wollten sie diese auch ausnutzen.

Der Dachsbau lag unter einer Sitkafichte, die unter den Hemlocktannen gut zu erkennen war.
Vor der Fichte erhob sich ein kleiner Erdhügel, der über und über mit dichtem Gras bewachsen war, das auch noch an den Seiten herabhing und so den Eingang zum Bau verdeckte.
Wenn man nicht wusste, daß er da war, würde man ihn auch nicht so einfach finden.
Little Porkupine und Hopper krochen als erste unter das überhängende Grasbüschel (an dem Pika sofort gedankenverloren herumkaute) und spähten in den verlassenen Dachsbau.
"Furchtbar dunkel isses hier", zirpte Hopper. Sein Gezirpe hallte aus dem Bau zurück.
"Und unheimlich", flüsterte Pika, die vorsichtig hinter Hopper ihren Kopf in das dunkle Loch steckte.
"Ach was, wir müssen nur das Gras zur Seite räumen, dann wird es schon hell." Little Porkupine war überzeugt, dass sich aus dem Bau ein prima Spielplatz machen ließ.
Also machten das kleine Stachelschwein, der Grashüpfer und das Pika sich daran, das herunterhängende Gras vom Bau zu entfernen.
Bz war für so was nicht stark genug, aber weil er der einzige war, der fliegen konnte, musste er nach dem Adler Ausschau halten, während die anderen arbeiteten.
Einmal sah er einen weiß-braunen Fleck auf die Sitkafichte zufliegen, und Bz fing vor Aufregung laut an zu "bzzen", aber da drehte der Fleck schon wieder ab und kam nicht wieder.
Als alles Gras aus dem Weg geräumt war – Pika hatte es hauptsächlich in ihrem Mund verschwinden lassen – begutachteten die vier den Bau.
Zwar war nun ein gutes Stück mehr zu sehen als vorher, aber dahinter führte der Gang fast senkrecht in nur noch undurchdringliche Finsternis hinunter.
Das nun erleuchtete Stück des Dachsbaus war ganz und gar farblos, als hätte hierher noch nie die Sonne geschienen.
"Kein Wunder, das Familie Dachs hier nicht bleiben wollte", pfiff Pika und schüttelte sich.
Selbst dem sonst so tapferen Little Porkupine stellten sich die Stacheln auf, als er in den trostlosen, verlassenen Bau hinabstarrte.
"Bz", sagte Bz.
Entmutigt machten sie eine Pause im Schatten der Sitkafichte und überlegten, was sie sonst spielen könnten. Aber irgendwie konnten sie sich nicht von dem Dachsbau lösen.
Den ganzen Tag blieben sie unter der Fichte und faulenzten und wussten nicht, was sie tun sollten.

Irgendwann hob Pika, die faul im Gras lag, den Kopf, schlenkerte mit einem Ohr und quiekte: "Was ist denn nun ein Schnurps?"
Keiner wußte die Antwort, also schwiegen sie.
Auf einmal knarzte eine Stimme hoch oben aus der Sitkafichte zu ihnen herunter:
"Schnurpse lebten früher in diesem Wald, viele von ihnen. Sie bauten die meisten der Höhlen hier, auch den Bau dort, den ihr nur noch als den alten Dachsbau kennt, so lange ist es her."
Aus den oberen Ästen der Fichte schaute ein riesiger Adler auf sie herab. Er hielt den Kopf leicht geneigt und schien zu warten, wie Little Porkupine, Hopper, Pika und Bz reagieren würden. Die vier waren starr vor Schreck und kamen gar nicht auf die Idee, wegzulaufen.
Aber sie zitterten alle wie Grashalme im Herbstwind.
Irgendwann fasste Little Porkupine sich soweit, dass er flüstern konnte: "Bitte friss uns nicht, ja?!"
Fast schien der Adler zu lächeln, was bei seinem ansonsten so grimmigen Ausdruck richtig lustig wirkte.
"Euch fressen? Igitt, ich bevorzuge doch lieber die Lachse im Fluß nahe dem Wald, und davon gibt es wirklich genug, euch muss ich nicht fressen."
"Aber die Große Eule hat doch gesagt..." meldete sich jetzt auch Hopper.
"Dann weiß die Große Eule eben auch nicht alles."
Langsam wurde auch Pika neugierig. Sie richtete sich im Gras auf und schaute den Adler an.
So schlimm sah der gar nicht aus, außerdem schien er etwas über diese Schnurpse zu wissen.
"Was ist denn nun ein Schnurps?", quiekte sie noch einmal.
Der Adler ließ sich ein paar Äste tiefer nieder, woraufhin die vier sich vorsichtshalber etwas tiefer ins Gras drückten.
"Die Schnurpse kann man nicht so richtig beschreiben", fing er an zu erzählen, "sie sind etwa so groß wie ein Pika, aber sie haben einen langen, dünnen Schwanz mit einem Puschel am Ende.
Am Besten erkennt man sie an ihrem Fell, es schimmert in allen Farben, die man sich nur vorstellen kann und scheint sich ständig zu verändern.
Aber am erstaunlichsten an einem Schnurps sind seine Barthaare."
Little Porkupine, Hopper und Pika waren wieder etwas näher gekrochen und hörten neugierig zu, so ein Tier konnten sie sich gar nicht vorstellen.
Bz summte noch etwas ängstlich in sicherer Entfernung herum.
"Was ist mit den Schnurpsbarthaaren?", zirpte Hopper.
"Die Barthaare...ein Schnurps hat auf jeder Nasenseite drei Barthaare. Die sind sehr lang und dick. Wenn man zwei solcher Haare zusammenknotet, verschmelzen sie, als wären sie immer schon eins gewesen, und sie leuchten hell im Dunkeln, so hell wie das Fell der Schnurpse."
"Mh, so ein paar Haare könnten wir brauchen", brummte Little Porkupine verträumt, "dann wäre der Dachsbau – oder Schnurpsbau – hell genug zum Spielen."
"Aber er ist so schrecklich farblos", quiekte Pika.
"Dann brauchen wir eben außerdem ein paar bunte Schnurpse", zirpte Hopper.
"Bz", meinte Bz von weiter weg her.
"Man müsste die Farben des Herbstes in den Bau bringen können, dann wäre er sicher richtig gemütlich und die Dachse würden auch bestimmt wieder darin wohnen wollen", überlegte Little Porkupine.
"Ja, aber wie sollen wir denn die Herbstfarben in den Schnurpsbau kriegen?" zirpte Hopper.
"Vielleicht kann die Große Eule euch ja dabei weiterhelfen", sagte der Adler.
"Bz", summte Bz aufgeregt.
"Bz hat recht, die Große Eule können wir heute nicht mehr stören, sonst frisst sie uns am Ende noch ausversehen, bevor sie richtig wachgeworden ist. Aber morgen werden wir ganz früh zu ihr gehen."
Hopper war richtig aufgeregt, vielleicht wurde ja doch noch ein Abenteuer aus dem langweiligen alten Dachs- nein Schnurpsbau.
"Ich muß mich jetzt verabschieden", sagte der Adler, "ich muss zurück zu meinem Horst."
"Kommst du morgen wieder und erzählst uns mehr über die Schnurpse?" quiekte Pika.
"Mal sehn, wenn ich bis dahin schon genug Futter für mein Junges gefangen habe", antwortete der Adler und flog mit mächtigen Flügelschlägen in Richtung Waldrand davon.
Little Porkupine, Hopper, Pika und Bz unterhielten sich noch kurz über die sonderbare Begegnung mit dem Adler, der so freundlich war und über die eigenartigen Schnurpse, von denen sie vorher noch nie etwas gehört hatten, dann trennten sie sich für diesen Tag, nachdem sie sich für den nächsten Sonnenaufgang bei der Großen Eule verabredet hatten und trollten sich nach Hause.

1  2  3  4  5  >>